Studie der Bertelsmann Stiftung zum steigenden Lehrermangel in der Grundschule

von 31. Januar 2018Aktuelles

Die neue Studie der Bertelsmann Stiftung stellt einen gravierenden Mangel an Lehrkräften für die Grundschule schon in den nächsten Jahren fest. Unter dem Titel „Lehrkräfte dringend gesucht – Bedarf und Angebot für die Primarstufe“ wird der sich abzeichnende Lehrermangel in Grundschulen analysiert, den Bedarf an neu einzustellenden Grundschullehrkräften bis zum Jahr 2030 abgeschätzt und mit der zu erwartenden Zahl regulärer Absolventen dieses Lehramtsstudiums abgeglichen. Bis  2025 müssen demnach knapp 105.000 Grundschullehrkräfte neu eingestellt werden: Davon entfallen etwa 60.000 auf den Ersatz ausscheidender Lehrkräfte. 26.000 Lehrkräfte sind zusätzlich nötig, um den Unterricht bei steigenden Schülerzahlen aufzufangen, für den Ausbau von Ganztagsschulen werden weitere 19.000 Lehrkräfte benötigt. Allerdings schließen im gleichen Zeitraum nur 70.000 Absolventen ihr Lehramtsstudium ab. Damit fehlen den Grundschulen mindestens 35.000 Lehrkräfte. Erst ab 2026 zeichnet sich wieder eine Entspannung ab.

Hier finden Sie eine BDA- Zusammenfassung und Bewertung der Studie.
Die Studie selbst steht zum Download bereit unter www.bertelsmann-stiftung.de > Themen > 2018 > Lehrermangel

Dass die Schülerzahlen und damit auch der Bedarf an Lehrkräften in den kommenden Jahren deutlich über den offiziellen Prognosen der Kultusminister liegen werden, hatte die Bertelsmann-Stiftung bereits im Sommer in einer Studie festgestellt. Daran knüpfen die neuen Berechnungen nun an, sie liegen bei den Lehrkräften für die Grundschule noch einmal ein wenig höher. Viele Faktoren kommen zusammen: Nicht nur wegen der steigenden Schülerzahlen, sondern auch wegen des von der Politik gewollten Ausbaus der Ganztagsschulen werden prinzipiell mehr Lehrkräfte gebraucht. Gleichzeitig gehen aber bis zum Jahr 2030 rund 40 Prozent der Grundschullehrerinnen und -lehrer in Pension.

Viele Lehrkräfte gehen in den Ruhestand

Insgesamt müssen laut der Studie bis 2025 knapp 105.000 Lehrkräfte an den Grundschulen neu eingestellt werden. Davon ersetzen 60.000 die ausscheidenden Pensionäre. 26.000 werden benötigt, um die steigenden Schülerzahlen zu bewältigen, 19.000 für zusätzliche Ganztagsangebote. Dem stehen aber nur 70.000 Absolventen gegenüber, die in der Zeit von den Hochschulen kommen werden. Damit entsteht rechnerisch eine Lücke von eben jenen 35.000 Grundschullehrerinnen – und lehrern.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelmann-Stiftung, appelliert an die Länder, sich nicht mehr gegenseitig die Lehrer abzuwerben – sondern angesichts des bundesweiten Lehrermangels nach gemeinschaftlichen Lösungen zu suchen. Einfach nur die Zahl an Studienplätzen aufzustocken, werde nicht helfen, heißt es in der Studie: Denn bei den langen Ausbildungszeiten kommen die Absolventen zu spät an den Schulen an. „An kurzfristig wirksamen Lösungsansätzen führt kein Weg vorbei“, schreiben Klemm und Zorn daher. Sie empfehlen vor allem, Teilzeitkräfte dafür zu gewinnen, ihre Stundenzahl aufzustocken – und Pensionäre zu bewegen, ihren Ruhestand hinauszuzögern.

Teilzeitkräfte und Pensionäre bewegen, mehr zu unterrichten

Tatsächlich sind rund 40 Prozent der Grundschullehrkräfte in Teilzeit beschäftigt – unter den Frauen, die deutlich häufiger an Grundschulen unterrichten als Männer, ist der Anteil noch einmal etwas höher. Die Länder müssten hier die Rahmenbedingungen verbessern, um Anreize für eine Vollbeschäftigung zu schaffen, fordern Klemm und Zorn: etwa, Kitaplätze für Lehrkräfte zu sichern, damit diese Familie und Beruf besser vereinbaren können. Auch müssten sie bei Aufgaben entlastet werden, die nicht unmittelbar zum Unterricht gehören. Erst am Montag hatte eine GEW-Studie festgestellt, dass Lehrkräfte mit gut 48 Stunden in einer Schulwoche mehr arbeiten als andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst – was auch daran liege, dass die zusätzlichen Aufgaben zunehmen.

Bei Pensionären sollten die Länder prüfen, die Hinzuverdienstgrenze anzuheben. So könnte es für sie attraktiver werden, länger als geplant zu unterrichten. Auf diesen Weg will sich auch Berlin begeben, das seit vier Jahren einseitig auf Quereinsteiger gesetzt hatte. Das soll nun anders werden. Wie berichtet, hat Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) angekündigt, dass sie verstärkt auf Kräfte zurückgreifen will, die sich in den kommenden Jahren eigentlich in den Ruhestand verabschieden könnten. Allerdings müssen finanzielle Anreize geschaffen werden, damit die Pensionäre dazu bereit sind. Über diesen Punkt wird bereits seit Monaten zwischen Bildungs- und Finanzverwaltung verhandelt.

In Berlin sollen die Pensionäre Quereinsteiger einarbeiten

Berlin braucht die älteren Lehrkräfte nicht nur für den Unterricht sondern auch zur Einarbeitung hunderter Quereinsteiger. Auch Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen erwägen solche oder andere Schritte, weil der Lehrermangel dort ebenfalls massiv ist.

Bei solchen freiwilligen Maßnahmen wie der Weiterbeschäftigung von Pensionären bleibe aber schwer abzuschätzen, wie groß der Effekt wirklich sein werden, heißt es in der Studie – zumal Lehrer eher dazu tendieren, frühzeitig in den Ruhestand zu gehen als länger zu arbeiten. Auf Quer- und Seiteneinsteiger werde man daher ebenfalls nicht verzichten können, resümieren Klemm und Zorn.

„Völliges Versagen der Kultusverwaltungen“

Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie dokumentierten „ein völliges Versagen der Kultusverwaltungen der Länder bei der Sicherstellung des Lehrerbedarfs für die Grundschule“, konstatierte der Grundschulverband..
Die Folgen der Versäumnisse der vergangenen zehn Jahre im Hinblick auf die Sicherstellung einer geordneten Personalsituation an den Schulen würden für die Schülerinnen und Schüler „dramatisch“ sein.
„Um die Bevölkerung nicht zu täuschen, werden CDU/CSU und SPD aufgefordert, den für den Koalitionsvertrag der Bundesregierung angedachten Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung der Kinder in der Grundschule nicht zu verkünden.“, heißt es weiter in der Erklärung des Bundesverbands. Der Rechtsanspruch sei „in den kommenden zehn Jahren nicht realisierbar“.

„Reaktive Personalpolitik“

Die Kultusminister der Länder werden daher aufgefordert, in ihren Verwaltungen ein „seriöses, wissensbasiertes System der Lehrerbedarfsrechnung“ mit qualifizierten Bevölkerungsstatistikern aufzubauen und von der bisherigen reaktiven Personalpolitik zu einem proaktiven Handeln überzugehen.

Der Grundschulverband wies zudem darauf hin, dass in einigen Bundesländern inzwischen schon Lehrkräfte aus dem Ausland rekrutiert würden, „die nicht einmal die deutsche Hochsprache hinreichend beherrschen, in die sie die Schülerinnen und Schüler aber einführen sollen.“

Warnung vor Quereinsteigern bei Schulanfängern

Da in den Klassen eins und zwei „die Grundlagen für den späteren Erfolg oder Misserfolg in der Schule gelegt“ würden, sei eine misslungene Alphabetisierung der „worst case“ in der Schullaufbahn und auf höheren Jahrgangsstufen „kaum mehr zu korrigieren“. Die Eingangsstufe der Grundschule müsse daher „für Laienpädagogen absolut tabu bleiben“, hieß es im Hinblick auf die in Grundschulen vielfach eingesetzten Quereinsteiger.
Ähnlich besorgt hatte sich vor einigen Monaten auch die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft über die Beschäftigung von Quereinsteigern in der Grundschule geäußert.

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